Shashwati Goswami – Medien in Indien

Wirtschaft und Mainstream-Medien sind in Indien oft stark miteinander verschränkt. Darunter leidet kritische Berichterstattung. Digitale alternative Medien versprechen nur wenig Abhilfe – sie erreichen schlicht ihr Publikum nicht. Deshalb brauche Indien eine eigene “Dritte Welt-Story”, fordert die Professorin und Journalistin Shashwati Goswami – wie diese aussieht, erklärt sie im Interview mit rethinkindia.

Shashwati Goswami lehrt seit 2008 Radio- und Fernsehjournalismus am Indian Institute of Mass Communication (IIMC) in Delhi. Als Produzentin arbeitete Goswami 15 Jahre für den staatlichen Rundfunksender All India Radio. Den Rundfunk liebe sie mehr als jedes andere journalistische Medium, sagt sie im Gespräch mit rethinkindia. Als Journalistin berichtet sie seit 22 Jahren über Konfliktursachen wie Umweltzerstörung, Migration und Vertreibung durch Entwicklungsprojekte. Ein weiterer Schwerpunkt Goswamis Recherchen sind Themen städtischer Armut wie Sex-Arbeit, Straßenkinder oder Tagelöhnerei.

Im ersten Teil des Interviews spricht Goswami über die Verflechtung von Wirtschaft und Medien in Indien, den wirtschaftlichen Druck auf Journalisten und ihre persöhnlichen Erfahrungen als kritische Reporterin.

 

Alternative Medien haben auf dem Subkontinent heute noch einen schweren Stand. Im zweiten Teil des Interviews erklärt Goswami, warum viele alternative Medien ein Produkt von und für die Elite des Landes sind. Die langjährige Radiojournalistin hat aber auch eine Hoffnung: Sogenannte Community Radios könnten die “Digitale Kluft” zwischen Arm und Reich als auch zwischen Stadt und Land überwinden.

Weitere Videos finden Sie in unserer Videothek oder auf unserem Vimeo-Kanal.

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Dorothea Riecker – Der Leser entscheidet, was ins Blatt kommt

Dorothea Riecker, Indien-Korrespondentin für Focus

Dorothea Riecker
Focus-Korrespondentin für Indien & Pakistan

Dorothea Riecker studierte Indologie, spricht Hindi und korrespondiert seit sieben Jahren für das Wochen-Magazin Focus aus der indischen Hauptstadt Neu-Delhi. Im Interview mit Rethinkindia spricht sie über den tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel des Subkontinents und wie der Leser und die Redaktion daheim ihre Arbeit beeinflussen.

 

Seit sieben Jahren berichten Sie nun für den Focus über Indien. Warum ausgerechnet dieses Land?

Indien lernte ich schon in jungen Jahren kennen, als mein Vater, eingeladen von der indischen Regierung, mich auf eine Reise mitnahm. Ich war 17 Jahre alt und verliebte mich sofort in dieses Land. Indien war damals so komplett anders: Es gab nur eine Automarke, den Ambassador, die Männer sahen mit ihren weißen Käppchen auf dem Kopf alle aus wie Jawaharlal Nehru – der erste Ministerpräsident Indiens – und in den Geschäften gab es kein einziges westliches Produkt. Das war was ganz Besonderes. Jeder Tag meiner Reise damals durch den Subkontinent war für mich eine Art psychisches und physisches Experiment, das mir meine Grenzen zeigte.

Doch dieses Indien hat sich nach 1991, der wirtschaftlichen Öffnung, radikal gewandelt. Heute sieht man den gesellschaftlichen Aufbruch in jedem Dorf. Man spürt den Kampf um Identität überall. Es ist ein ganz anderes Land, als das, welches ich mit 17 Jahren kennen gelernt habe.

 
Wie würden Sie Indien heute beschreiben?

Was mich beim Studium der Indologie schon immer interessierte, war der Bogen zwischen dem traditionellen und dem modernen Indien. Und wie sich die Spannungsfelder zwischen den beiden Polen entwickeln. Noch immer ist es nicht absehbar, in welche Richtung Indien geht, ob es eine Fusion zwischen östlicher und westlicher Kultur gibt, ob das Land seinen eigenen Weg geht, oder etwas ganz Neues entsteht und sich der Subkontinent wie der Phönix aus der Asche erhebt.

Allerdings sehe ich heute vielerorts statt einer Fusion zwischen Tradition und Moderne eher eine Konfusion. Die indische Gesellschaft ringt um ihre gemeinsamen Werte und den Weg, den das Land in Zukunft beschreiten wird. Vieles von dem, was in Deutschland nur von der negativen Seite betrachtet wird, ist auf der anderen Seite aber auch ein Zeichen dafür, dass das Land aufbricht. So werden die brutalen Vergewaltigungen nicht mehr einfach nur hingenommen, sondern sie lösen wütende Proteste und Debatten aus.

 
Die Konflikte, von denen wir hören, zeugen also von gesellschaftlicher Veränderung?

Genau. Ein weiteres Beispiel sind die so genannten „Ehrenmorde“ von verheirateten Paaren. Gegen Jungen und Mädchen, die entgegen den traditionellen Kastenkodizes heiraten, fällt der Khab Panchayat, der Rat der Dorfältesten, das Todesurteil. Das ist grausig, was da passiert! Es zeigt aber auch, dass Indien sich wandelt, junge Menschen unterschiedlicher Kasten sich an der Universität kennenlernen und trotz traditioneller Schranken heiraten. Dem alten System passt das natürlich nicht, aber andererseits reagieren die Zivilgesellschaft und auch die Gerichtsbarkeit, die die Verantwortlichen vom khab panchayat ins Gefängnis wandern lässt. Allein auf die Morde zu schauen, wäre verkürzt. Wichtig ist auch, wie die Gesellschaft damit umgeht.

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Posten, Bloggen, Tweeten: Online-Aktivismus in Indien

Soziale Netzwerke und alternative Online-Plattformen sind für Kayonaaz Kalyanwalas Arbeit bei der Nicht-Regierungs-Organisation Video Volunteers unverzichtbar. Im Interview mit RethinkIndia erklärt die Kommunikationskoordinatorin, wie wichtig Online-Plattformen für alternative Stimmen in Indien seien.

Kalyanwala beschäftigte sich schon während ihres Masters in Medien und Internationaler Entwicklung mit dem Einfluss des Internetbooms auf die indische Gesellschaft und seinen Auswirkungen auf eine wachsende “digitale Kluft” innerhalb der Landbevölkerung. Wie diese Kluft überwunden werden könnte und welchen Einschränkungen Aktivisten und Blogger auf dem Subkontinent noch immer ausgesetzt seien, verrät sie im Gespräch.

Posten, Bloggen, Tweeten – Kayonaaz Kalyanwala im Interview über die alternative Stimme im Internet from Frieder Piazena on Vimeo.

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Countdown: Krautreporter-Frist endet am 4. Oktober

Noch zehn Tage bis die Finanzierungsfrist für rethinkindia auf der Crowdsourcing-Plattform Krautreporter.de endet! Kurz vor Schluss legen wir noch ein kleines Gimmik auf unsere Prämien drauf.

Knapp zwei Drittel unserer Finanzierungssumme haben wir dank Eurer kräftigen Unterstützung bereits geschafft. Doch bei Krautreporter gilt: alles oder nichts! Damit wir auch das verbleibende Drittel unserer Recherchekosten einspielen, legen wir noch eine kleine Prämie obendrauf. Für jede Unterstützung ab zehn Euro bedanken wir uns mit einem englischsprachigen Comic aus dem Hause Amar Chitra Katha.

 

 

Sollten wir bei Krautreporter bis zum 4. Oktober erfolgreich sein, erhaltet Ihr eine Liste der verfügbaren Titel. Das gilt natürlich auch für alle, die uns bereits unterstützt haben.

 

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Slideshow: Video Volunteers

Wenn der Mainstream nicht über Anliegen sozial benachteiligter Menschen berichtet, dann müssen es die Unterprivilegierten selbst tun. Do it Yourself!, lautet das Motto von Video Volunteers. Wir haben aus dem Fotoarchiv der Organisation neun Bilder ausgewählt und eine kleine Slideshow zusammengestellt, die die Korrespondenten bei der Arbeit, der Ausbildung und ihre Gemeinden bei öffentlichen Filmvorführungen zeigt.

 

 

Wer berichtet in Indien eigentlich über wen? Kaum ein Reporter des Mainstreams gehört den indigenen Adivasis oder den als unberührbar stigmatisierten Dalits an. Auch Frauen und Muslime sind in den indischen Massenmedien unterrepräsentiert. Ihre Geschichten bleiben deshalb oft unerzählt oder werden aus einer Perspektive von oben herab berichtet.

“Was wäre wenn die ärmste Milliarde Menschen ihre eigene Medienindustrie hätte?”, fragt Video Volunteers. Ziel der nicht Gewinn orientierten Organistation seien Gemeinden, die ihre eigenen lokal relevanten Medien selbst vor Ort produzieren. Medien “die ihre Kultur zelebrieren, die Anliegen der Basis thematisieren und Debatten anregen, um Lösungen für die Probleme in den Gemeinden zu finden”.

Und in Indien sei die Kamera das richtige Werkzeug dafür. Community Video demokratisiere die Medien des globalen Südens in dem Maße, wie es Blogs in den Industrieländern getan hätten. “Für Gemeinden, die Jahrzehnte vom Internet und einer vollständigen Alphabetisierung entfernt sind, sind Blogs heute nicht in Reichweite.” Video-Journalismus sei es jedoch.

In den letzten zehn Jahren habe die Organisation 200 lokale Reporter – sogenannte Community Korrespondenten – im Filmen mit der Kamera geschult und das journalistische Handwerk gelehrt. Öffentliche Filmvorführungen sollen ihre Filme von Gemeinde zu Gemeinde zirkulieren lassen und im besten Falle zum gemeinsamen Handeln anstoßen. Das Ziel für die kommenden Jahre lautet: In jedem der rund 670 Distrikte Indiens soll mindestens ein Korrespondent für die NGO berichten.

Wir danken Video Volunteers für die freundliche Bereitstellung der Bilder!

Videos der Community Korrespondenten aus ganz Indien findet ihr auf der Website IndiaUnheard oder im Video Volunteers YouTube-Kanal.

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Priya Bathe – „Klar habe ich eine Haltung“ (Teil 1)

Priya Bathe

Priya Bathe, Schatzmeisterin und Vorstandsmitglied des Vereins Neue deutsche Medienmacher

Priya Bathe, freie Journalistin für die Deutsche Welle, den WDR und den Deutschlandfunk plädiert als Schatzmeisterin des Vereins Neue deutsche Medienmacher, einem Netzwerk von mehr als 500 Medienschaffenden mit Migrationshintergrund, für mehr Vielfalt in den Medien. Im ersten Teil des Interviews spricht sie über ihre Arbeit als Auslandsjournalistin und die Bedeutung des kulturellen Hintergrundes für die Berichterstattung.

 
Frau Priya Bathe, neben New York und Brüssel war auch Neu Delhi eine ihrer beruflichen Stationen. Zuletzt dominierten Schlagzeilen über Hunger, Überschwemmungen und Gewalt die Indien-Korrespondenz. Deckt sich das mir Ihren Erfahrungen als Auslandsjournalistin?
Bad news are good news. Schlechte Nachrichten verkaufen sich gut. Das gilt für Indien genau so wie akutell für Syrien. Überschwemmungen, Hungerkatastrophen und Überbevölkerung werden wohl immer ein Thema sein. Außerdem sind das gelernte Geschichten, die der Rezipient kennt und als „richtig“ bewertet. Also verkauft sich die Nachricht gut, Medien denken ökonomisch.
Der Blick auf Indien hat sich aber in den letzten Jahren gewandelt: Früher dominierten arme Näherinnen, unterdrückte Frauen und die Yoga-Szene die Berichterstattung. Das hat sich verschoben zu Gunsten der neuen Mittelschicht, der Green-Card-Inder und der IT-Inder. Wirtschaftliche und berufliche Erfolge wie von Lakshmi Mittal, einem milliardenschweren indischen Stahlproduzenten, Anshu Jain dem Co-Vorsitzenden der Deutschen Bank oder der Pepsi-Vorstandsvorsitzenden Indra Nooyi sind heute viel präsenter in den Medien.
Diesen neuen Bogen vom Entwicklungsland hin zum Indien des Aufbruchs, der aufstrebenden Wirtschaftsmacht finde ich als Indischstämmige positiv, weil das Land auch von seinen Qualitäten her dargestellt wird. Kritische Berichterstattung darf jedoch nicht ausbleiben: Was macht die Mittelschicht, was sie vielleicht nicht machen sollte? Und wo bleiben die Armen?

 
Was macht einen guten Korrespondenten aus?
Allem voran Herzblut. Eine gute Berichterstattung hängt von der Leidenschaft des Reporters für das Land ab. Wirkliches Interesse zeigt sich auch in der Themenwahl abseits des politischen Tagesgeschäfts, über das ein Korrespondent berichten muss. Und wenn ein Journalist für ein Thema brennt, dann merkt man das auch dem Artikel an. Continue reading

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Priya Bathe – „Wichtig ist der Dialog“ (Teil 2)

Priya Bathe

Priya Bathe, Schatzmeisterin und Vorstandsmitglied des Vereins Neue deutsche Medienmacher

Im zweiten Teil des Interviews spricht Priya Bathe, Schatzmeisterin des Vereins Neue deutsche Medienmacher über die deutsche Mehrheits-Berichterstattung, progressive Privatsender und wie die Initiative mehr Vielfalt in die deutschen Medien bringen will. Eine Quote für Journalisten mit Migrationshintergrund, Schwarze oder People of Color lehnt Bathe ab. Warum erklärt sie im Interview mit rethinkindia.

 
Gibt es Ihrer Meinung nach eine weiße* Berichterstattung? (*Wir nehmen hier Bezug auf das Konzept der Critical Whiteness)
Ich finde den Begriff „weiße Berichterstattung“ etwas schwierig und würde eher von einer Mehrheitsgesellschaft sprechen. Denn in den Entscheidergremien der deutschen Medien sitzen noch die Repräsentanten der alten Mehrheitsgesellschaft, obwohl sich die Realität längst verändert hat. Heute haben wir einen Migrationsanteil von 20 Prozent in der Bevölkerung der Großstädte, aber lediglich zwei Prozent im Journalismus. In den Chefetagen sieht es noch schlechter aus.

 
Wie sieht die Mehrheitsberichterstattung aus?
Das kommt ganz aufs Medium an – ob die Öffentlich-Rechtlichen, ein Regionalblättchen oder ob der Boulevard berichtet. Bei letzterem gehört die tendenziöse Berichterstattung zum Handwerk. Aber selbst in einigen seriösen Medien wird Populismus geschürt, weil das Thema Einwanderungsgesellschaft bei einigen Redakteuren noch nicht angekommen ist. Das Resultat ist eine verzerrte Berichterstattung. Wenn von 50.000 zugewanderten Sinti und Roma schwadroniert wird, ohne deren spätere Abwanderungsquote anzuschauen, dann hat jemand – bewusst oder unbewusst – die Daten nicht richtig ausgewertet.
Außerdem wird ganz stark mit Ängsten wie Überfremdung oder Sozialneid gearbeitet. Entweder liegt das am Druck im Medienmarkt, weil es in den Printmedien gerade den Bach runter geht und man glaubt, damit Auflage machen zu können, oder das ist wirklich die Meinung dieser Journalisten. Beides muss man anprangern.
Deshalb ist es wichtig, dass Journalisten mit Migrationshintergrund und natürlich auch die verantwortlichen Redakteure ein Auge auf die Berichterstattung haben, wenn, um beim Beispiel zu bleiben, die Abwanderungsquote nicht berücksichtigt wurde. Es gehört aber auch Mut dazu, Einspruch in der eigenen Redaktion zu erheben, gerade in Zeiten, in denen Stellen gestrichen werden und Festanstellungen Mangelware sind.
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Es ist Halbzeit – Zeit für ein Update

Sechs Wochen sind schon vergangen – hier findet ihr einen kurzen Überblick von dem, was wir schon geschafft haben und allem, was wir in der zweiten Hälfte unsere Aufenthalts vorhaben.

Unsere Recherche bei der indischen Nicht-Regierungs-Organisation (NRO) Video Volunteers, die eine Brücke zwischen lokalem Aktivismus und Mainstream-Medien baut, hat uns bereits spannende Einblicke in den indischen Community Journalismus gegeben:

Im Interview erklärt Saloni Puri, Pressebeauftragte für Video Volunteers, wie diese Form des Basisjournalismus überhaupt funktioniert, wie schwer es für eine NRO ist, im täglichen Strom der Nachrichtenflut nicht unterzugehen und warum die Zusammenarbeit mit dem Mainstream wichtig ist.

Richa Ramela, bildet für die Organisation Korrespondenten an der Kamera aus und begleitet sie bei ihrer Arbeit. Ramela spricht über die kleinen und großen Hürden in Alltag und Arbeit der Korrespondenten, die Video Volunteers vor allem aus den sozialen Randgruppen Indiens rekrutier. Weitere Videos findet ihr in unserer Mediathek.

In unserem Artikel „Wissen ist gut. Verunsicherung ist besser“ reflektieren wir, was unser Weißsein für unsere Recherche hier vor Ort bedeutet, welche Privilegien wir genießen und wie unser Blick au Indien davon beeinflusst wird.

Gibt es eine weiße Berichterstattung? Das haben wir Priya Bathe gefragt, die sich als deutsche Auslandsjournalistin mit indischem Hintergrund und Schatzmeisterin des Verein Neue deutsche Medienmacher für mehr Vielfalt in den Medien engagiert. Im Interview spricht sie über ihre Auslandsrecherchen, die deutsche Mehrheitsberichterstattung und warum Menschen mit Migrationshintergrund noch immer in den deutschen Medien unterrepräsentiert sind.

Unsere Recherche ist noch lange nicht beendet!

Unsere bisherigen Gespräche mit Auslandsjournalistinnen haben uns schon viel über deren Arbeitsalltag verraten. Doch einige Fragen sind noch unbeantwortet: Wie schaffen es Korrespondenten über ein Gebiet zu berichten, dass sich vom Hindukusch in Afghanistan über den indischen Subkontinent bis zum Inselstaat Sri Lanka erstreckt? Wie verändert sich der Blick eines Korrespondenten auf Land, Kultur und Menschen im Laufe der Zeit? Und welche Rolle spielen die Leser und Zuschauer daheim für die Berichterstattung?

Ausgerüstet mit Kamera, Mikrofon und einem vollen Terminkalender starten wir am Donnerstag, den 12. September unsere Recherchereise nach Delhi – denn in der indischen Millionenmetropole und Hauptstadt konzentrieren sich die deutschen Auslandsjournalisten aus Print, Radio und Fernsehen, mit denen wir sprechen werden.

Natürlich nutzen wir die Gelegenheit auch, einen tieferen Einblick in die indische Medienlandschaft zu gewinnen: Wir treffen uns mit medienkritischen Organisationen, einem Magazin, das in Indien für seinen investigativen Journalismus bekannt ist und natürlich auch mit Reportern des Mainstreams.

Doch damit ist unsere Recherche noch lange nicht erschöpft. Nachdem wir mehr über die Stärken und Schwächen der indischen Massenmedien in Delhi erfahren haben, machen wir uns auf zu den Community Korrespondenten – in das 40 Zugstunden entfernte Goa und Anfang Oktober in das hoch im Himalaya gelegene Kaschmir. Wir werden die Video Volunteers-Korrespondenten bei ihren Recherchen mit der Kamera begleiten und für einige Tage ihren Alltag teilen. Wir wollen nicht nur über sie berichten, sondern auch ihre Recherchen vorstellen. Deshalb werden wir in den kommenden Wochen auf unserem Blog die Videos der Community Journalisten vorstellen und erklären, wie diese Videos gedreht wurden und was sie in den Gemeinden bewirken. Wir beginnen mit Sajad Rasool, den wir in Kaschmir besuchen.

Rasool entschied sich als Community Korrespondent zu arbeiten, weil er als Mainstream-Journalist nicht über Korruption und soziale Missstände berichten könne, denn die indischen Massenmedien seien „parteiisch und sehr kommerziell“.

In seiner Reportage berichtet Sajad Rasool über sein Nachbardorf Darmhulla, in dem es an sauberen Wasser mangelt. Von den lokalen Behörden mit der Sanierung der Infrastruktur beauftragt, riss 2011 ein Bauunternehmer die alte Wasserleitung zum Dorf ab – auf die neue Leitung warten die Bewohner noch heute. Doch der Communty Korrespondent Rasool berichtet nicht nur über die Kilometer langen Märsche zur nächsten Wasserquelle oder über Typhus-Infektionen, die die Bewohner mangels sauberem Trinkwasser erleiden. Rasool ist auch ein Aktivist: Er fordert die betroffenen Bewohner auf, bei den lokalen Behörden Einspruch zu erheben und ihre Rechte einzufordern.

Viele weitere Geschichten aus dem ländlichen Indien gibt es zu erzählen und wir freuen uns weiterhin, aus dem Subkontinent zu berichten.

Wir danken allen unseren bisherigen Unterstützern. Helft mit, auf unser Projekt aufmerksam zu machen, damit sich Eure Unterstützung auch am Ende auszahlt. Teilt den Link http://krautreporter.de/rethinkindia bei Facebook und Co, erzählt Euren Bekannten von uns. Spread the word! Denn: Noch sind wir finanziell nicht über den Berg, falls bis zum 4. Oktober nicht die gesamte Summe zusammenkommt, zahlt Krautreporter Euch Euer Geld zurück und wir gehen leer aus.

Vielen Dank!

Eva und Frieder

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Saloni Puri – “Do you know how big India is?”

Wie schafft es Video Volunteers, im Strom der täglichen Nachrichtenflut nicht unterzugehen? Saloni Puri, Pressebeauftragte für Video Volunteers, spricht über die Kooperation mit Mainstream-Sendern und warum beide Seiten von der Zusammenarbeit profitieren.

Puri arbeitete als Journalistin und Produzentin für Fernsehen und Print in großen Medienhäusern. Heute widmet sie sich bei Video Volunteers der Aufgabe, den Community Journalismus in den Mainstream zu tragen, um ein größeres Publikum erreichen zu können.

Saloni Puri – “Do you know how big India is?” from Frieder Piazena on Vimeo.

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Ein Drittel der Zeit ist rum – Knapp ein Drittel ist finanziert

Vielen vielen Dank an alle, die uns bis jetzt unterstützt haben! Nach einem Monat Recherche in Indien freuen wir uns, Euch nun eine erste Zwischenbilanz zu liefern.

Die ersten Videointerviews über Community Journalismus und die indische Medienlandschaft sind im Kasten und auf unserem Blog. Wir schneiden Videos, recherchieren Texte und knüpfen per Schneeballprinzip Kontakte zu Medienschaffenden und Auslandskorrespondentinnen hier vor Ort und in Deutschland.

Im folgenden Clip erklärt Saloni Puri, Pressebeauftragte bei Video Volunteers, kurz und knapp was Community Journalismus eigentlich ist:

So nähern wir uns dem Kern unserer Recherche: Wir wollen die Community Korrespondenten bei ihrer Arbeit mit der Kamera begleiten und für einige Tage ihren Alltag teilen. Statt aus der Ferne über sie zu berichten, möchten wir ihren Geschichten zuhören und diese aufschreiben. Das heißt natürlich, dass wir zu den Korrespondenten reisen müssen – in die südindische Metropole Chennai, in die ehemalige portugiesische Kolonie Goa, in das entlegene Kaschmir und den nördlichen Bundesstaat Uttar Pradesh. Um das finanzieren zu können, brauchen wir Eure Unterstützung!

Und noch ein weiteres Ziel kristallisiert sich heraus: Delhi. Denn in der Hauptstadt und Millionen-Metropole konzentrieren sich die indischen Medien, aber auch die deutschen Auslandskorrespondenten, mit denen wir sprechen wollen.

Alle Artikel und Videos könnt Ihr wie gehabt hier auf rethinkindia verfolgen. Unsere Videos können auch im rethinkindia-Kanal auf Vimeo abgespielt und aboniert werden und natürlich kommen auch wir nicht um Facebook herum.

Vielen Dank für Eure Unterstützung!

Eva und Frieder

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Richa Ramela – Wie wird man Community Journalist?

Richa Ramela, Trainerin und Mentorin bei Video Volunteers unterrichtet Community Korrespondenten im Filmen mit der Kamera. Dabei treffe sie auf beeindruckende Menschen, von denen sie viel lernen könne.

Nachdem Ramela sich auf Radio- und Fernsehproduktionen am India Institute for Mass Communication spezialisierte, arbeitete sie als Produzentin für die Nachrichtensender Times Now und NDTV Convergence. Im Gespräch mit rethinkindia spricht sie über Chancen und Grenzen des Community Journalismus gegenüber den indischen Massenmedien, berichtet von ihren persönlichen Erfahrungen als Trainerin und erzählt von den kleinen und großen Alltagshürden der Korrespondenten.

Richa Ramela – What does it take to become a community correspondent? from Frieder Piazena on Vimeo.

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Interview: Manish Kumar über Community Journalismus

Manish Kumar, Progamm Manager bei der Nicht-Regierungs-Organistation Video Volunteers, erklärt im Interview mit rethinkindia wie Community Journalisten arbeiten und was ihre Videos von herkömmlichen Medien unterscheidet.

Seit sechs Jahren koordiniert Kumar das Programm der Organisation. Nachdem er sein Diplom in Entwicklungskommunikation absolvierte, arbeitete Kumar für den indischen Staatssender Doordarshan News und drehte selbst Dokumentationen über den Menschenhandel mit indigenen Kindern und den Auswirkungen des Tsunamis im Jahr 2004. Als Trainer habe er bereits 200 Menschen im Umgang mit der Kamera geschult. Sein Ziel für die kommenden Jahre: Video Volunteers soll in jedem der 650 Distrikte Indiens mit einem Community Journalisten vertreten sein.

Interview: Manish Kumar über Community Journalismus from Frieder Piazena on Vimeo.

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Critical Whiteness: Wissen ist gut. Verunsicherung ist besser.

Weiß ist mehr als eine Hautfarbe. Wir fragen, welche neuen Perspektiven das Konzept der Critical Whiteness für Medienschaffende eröffnet.

Täglich lesen wir in deutschen Zeitungen über „die Anderen“, schauen Dokumentationen über „das Fremde“ oder hören „Weltmusik“. Wenn von weit weg berichtet wird, spielt unser Weißsein als Reporter_In nur selten eine Rolle und doch trägt es zu den Bildern in unseren Köpfen bei. Während die vermeintlich Anderen als fremd dargestellt werden, bleibt unsere eigene weiße Identität unsichtbar.

Wir wollen mit dem Konzept der Critical Whiteness nicht anklagen, sondern eine produktive Verunsicherung anregen. In erster Linie beziehen wir diesen Ansatz auf unsere Arbeit an diesem Blog,  um unsere eigene weiße Sichtweise zu reflektieren. Die Auseinandersetzung mit unserem eigenen Weißsein ist für uns stellenweise neu und noch lange nicht abgeschlossen. Als „über Indien“-Berichtende haben wir deshalb ein paar Fragen an das Konzept der Critical Whiteness gestellt:

 

Worum geht es bei Critical Whiteness und warum könnte dieses Konzept für unsere Arbeit wichtig sein?

Die Critical Whiteness Studien sind eine junge Disziplin, die nach den Ursachen und Auswirkungen unserer Selbstbezeichnung als weiß fragt. Es handelt sich hierbei weder um eine starre Theorie, noch um eine Gebrauchsanweisung, sondern um den Versuch einer Selbstreflexion: Wie prägen meine Erziehung und mein sozialer Hintergrund meine Sicht auf die Dinge? Wie beeinflusst Weißsein meine Chancen in der Gesellschaft? Und welche Privilegien genieße ich deshalb?

Die Critical Whiteness setzt an einem Punkt an, den wir als  Auslandsberichtende oft überspringen: Das Konzept markiert, also benennt, die Position der Berichtenden als weiß. Mit weiß ist nicht primär die Hautfarbe einer Person gemeint, sondern ein komplexes Geflecht aus Machtstrukturen, die uns als weiße Personen privilegieren. Weiße haben die Macht, „die Anderen“ zu definieren, ohne das Gegenüber zu Wort kommen zu lassen und dabei die eigenen Werte und Normen als Maßstab für alle zu setzen. Anhand unserer eigenen weißen Geschichte beurteilen wir, was „entwickelt“ und „modern“ sei und beschreiben von diesem Standpunkt aus andere Gesellschaften als „die Dritte Welt“ oder „Entwicklungsländer“.

Weißsein wird in den Medien häufig nicht thematisiert, Weiße sind unsichtbar. Alle, die nicht in diese Norm passen, werden hingegen täglich mit ihrem vermeintlichen Anders-Sein konfrontiert.  Beispielsweise lesen wir in den Zeitungen von „Gastarbeitern“, „Deutsch-Türken“ oder „Menschen mit Migrationshintergrund“, die durch diese Zuschreibungen als nicht-weiß und somit fremd konstruiert werden.

Bezogen auf weiße Berichterstattende im Ausland geht es darum, die eigenen strukturellen Vorteile und Privilegien zu erkennen und zu reflektieren. Weißsein nicht als Norm vorauszusetzen, schärft außerdem die Sinne, wenn das Eigene und das Fremde aufeinandertreffen.

 

Welche Privilegien genießt denn ein weißer Reporter?

Wahrscheinlich würden sich nur wenige weiße Menschen den/die deutsche_n Auslandskorrespondent_In als schwarze Deutsche oder als Reporterin mit Kopftuch vorstellen. Häufig wird Deutsch-Sein automatisch mit Weißsein gleichgesetzt. Für uns als weiße Berichterstattende ist es ein Privileg, unser Deutsch-Sein nicht unter Beweis stellen zu müssen. Bei Berichtenden, die dieser Mehrheit nicht angehören, wird mit dem Deutschsein oft auch die Kompetenz angezweifelt.

Wir können über die meisten Themen als Expert_Innen berichten, unsere weiße Position wird dabei nicht infrage gestellt, weil sie als Grundlage gilt. So könnten wir beispielsweise über den Islam berichten, ohne unseren religiösen Hintergrund erwähnen zu müssen. Eine Reporterin mit Kopftuch würde ihre Neutralität und Expertise unter Beweis stellen müssen.

Auch der generell einfachere Zugang zu Bildung und höhere Chancen bei Bewerbungsgesprächen, die eine Position als Auslandskorrespondent_In überhaupt erst möglich machen, zählen zu diesen weißen Privilegien.

 

Welche Auswirkungen haben diese Privilegien auf die Berichterstattung eines Journalisten?

Weiße Privilegien zeichnen sich zunächst dadurch aus, dass sie von weißen Menschen nicht als solche wahrgenommen werden. In unseren Berichten könnten wir zum Beispiel bedenkenlos über Indien schreiben und durch unsere Sprach- und Bildauswahl einen Eindruck von Exotik vermitteln, der mit der Lebensrealität der Menschen vor Ort nur wenig gemein hat. Trotzdem wird unser exotisches Bild zu Hause als Realität hingenommen, weil wir mit unseren Namen und unserem Weißsein zur Mehrheit in der deutschen Medienlandschaft gehören. Dadurch wird uns automatisch eine gewisse Kompetenz zugesprochen, die wir nicht belegen müssen.

Besonders deutlich wird das Privileg, anderen Menschen Eigenschaften zuschreiben zu können,  wenn wir Verallgemeinerungen wie „die Inder“ benutzen. Auch bei der Bildauswahl suchen wir häufig nach Motiven, die das Andere als „authentisch“ zeigen. Als „echtes Indienbild“ gilt unser Foto zu Hause nur, wenn es sich in schon vorhandene Stereotype wie Kühe, Tempel und Frauen in Saris einreiht.

Unsere weiße Berichterstattung betont Unterschiede stärker als Gemeinsamkeiten, weil wir das Andere oft nur als Gegensatz beschreiben können. Gemeinsamkeiten verkaufen sich nicht nur schlecht, sondern kratzen auch an unserem Überlegenheitsgefühl.

Das Privileg, das eigene weiße Maß der Dinge nicht reflektieren zu müssen, birgt die Gefahr, über fremde Kulturen zu urteilen – als arm, bedürftig oder unterentwickelt. Uns der Macht dieser weißen Position als Richter über andere bewusst zu sein, stellt eine große Herausforderung für uns dar. Zum ersten Mal können wir nicht das Andere beurteilen, sondern müssen uns selbst in den Mittelpunkt unserer Beobachtung stellen.

Wir behaupten nicht, dass alle weißen Korrespondent_Innen zwangsläufig Stereotype reproduzieren. Trotzdem beobachten wir in der Auslandsberichterstattung, wie sich Verallgemeinerungen aus einem weißen Blickwinkel einschleichen oder sogar bewusst benutzt werden.

 

Gerade Journalisten sind doch der Neutralität verpflichtet. Zeichnet sich eine gute Berichterstattung nicht dadurch aus, über fremde Lebenswelten berichten zu können?

Wir beschreiben die Welt durch unsere kulturelle Brille. Der Rahmen dieser Brille besteht aus den eigenen Werten und Normen, die unbewusst immer zum Maßstab gemacht werden. Komplett neutral können wir also nie sein, wenn wir über das Fremde schreiben. Wenn wir aber unsere  Position reflektieren, können wir verhindern, dass wir das Fremde einseitig entwerfen. Die Critical Whiteness Theorie fragt deshalb nach diesem weißen Rahmen, wie er entsteht und unsere Sicht auf die Dinge prägt.

Solange wir unsere Hierarchien und Stereotype nicht als solche erkennen, reproduzieren wir einseitige Erzählungen. Schauen wir uns beispielsweise die aktuelle deutsche Mediendebatte zu sexualisierter Gewalt gegenüber Frauen in Indien an: Starke, emanzipierte Frauen erscheinen hier als Ausnahme. Dass es im indischen Parlament seit drei Jahren eine Frauenquote und landesweite Frauenuniversitäten gibt, bleibt größtenteils unbekannt.

Wir grenzen uns durch unsere weiße Erzählung nicht nur von der unterdrückten indischen Frau ab, sondern übertragen ihr Bild auf eine ganze Gesellschaft, die wir nach unserem Maßstab bewerten: An der Spitze der menschlichen Entwicklung stellen wir unsere „moderne“ und „aufgeklärte“ weiße Gesellschaft, das „rückständige“ und „unmündige“ Indien hinkt hinterher. Wieder haben wir die Welt weiß geordnet.

 

Was bedeutet unser Weißsein für die Auslandskorrespondenz – sollten wir gar nicht erst berichten?

Wir wollen die Notwendigkeit der Auslandsberichterstattung keineswegs infrage stellen, sondern uns die eigene Position in diesem unübersichtlichen Netz aus Machtstrukturen und Privilegien bewusst machen. Schuldgefühle sind dabei nicht nur unproduktiv, sondern verhindern jede Selbstreflexion.

Genau darum soll es aber gehen: Welche Rolle spielen wir als weiße Berichtende und welche Macht haben wir durch unsere Bild- und Textauswahl? Wie kann unsere Berichterstattung dazu beitragen, dass die Stimme der Anderen als gleichberechtigt gehört wird? Die Frage lautet deshalb nicht ob, sondern wie wir berichten.

 

Weiterlesen…

Die Zeitung anlayse und kritik beschreibt in ihrem Artikel “Farbenblindheit ist auch keine Lösung”, wie Critical Whiteness beim Abbau von Rassismen helfen kann.

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Medien in Indien

Wie sieht die indische Medienlandschaft aus? Wer berichtet hier über wen und wie? Wir stellen unsere Recherche vor.

Bereits heute ist der Subkontinent nach China der zweit größte Zeitungsmarkt der Welt – jeden Tag zirkulieren 100 Millionen Exemplare. 70000 verschiedene Blätter zählt das Land. Vor zwei Jahrzehnten gab es lediglich einen staatlich kontrollierten TV-Sender – 2012 funkten mehr als 500 private und öffentliche Sender.

Indiens Medien sind heute so zahlreich wie noch nie, doch auch indische Journalisten sind vor einer verengten Perspektive, dem framing nicht gefeit: Viele Geschichten werden nicht erzählt, weil sie systematisch nicht gehört und gesehen werden. 2006 belegte eine Studie über soziale Inklusion in indischen Zeitungen, dass noch immer die höheren Kasten die Redaktionen dominieren. Keiner der befragten Chefradakteure war ein Dalit, die als Unberührbare stigmatisiert werden oder gehörte zur indigenen Bevölkerung Indiens, den Adivasis. Auch Muslime und Frauen waren unterrepräsentiert.

Auch hier steckt der soziale Status des Reporters den Rahmen ab – berichtet wird häufig aus der gleichen Perspektive, nämlich von oben nach unten. Sinnbild dessen wurde jüngst die Aufnahme eines Reporters, der für den Sender News Express über die Flutkatastrophe im Bundesstaat Uttarakhand recherchierte. Trockenen Fußes moderierte er von den Schultern eines Flutopfers herab. Der Shitstorm in den Sozialen Netzwerken kostete ihn seinen Job.

Während unseres Aufenthaltes in Indien werden wir deshalb auch die indische Medienlandschaft beobachten und uns erneut fragen, wer über wen berichtet und welche Konsequenzen das für die Berichterstattung hat.

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Perspektivwechsel: Community Journalismus

Was ist Community Journalismus und warum könnte diese Berichterstattung “von unten” auch unser Bild von Indien verändern? Diesen Fragen gehen wir in den nächsten drei Monaten nach.

Die indische Organisation Video Volunteers hat es sich zur Aufgabe gemacht, jene, die sonst nicht gehört werden, dazu auszubilden, mit der Videokamera selbst über ihren Alltag zu berichten. Lokale Reporter – sogenannte Community Correspondents – interviewen, filmen, schneiden und kommentieren soziale Missstände, geben Ratschläge an Mitglieder anderer Gemeinden und erzählen wirtschaftliche und soziale Erfolgsstorys.

Im folgenden Videoclip berichtet Rohini, eine junge Frau aus dem Bundesstaat Maharashtra über Naag Panchami – das Fest der Schlange:

Wir sehen eine Frau, die über die alltägliche, omnipräsente Diskriminierung ihres Geschlechts spricht, doch nicht aus der Perspektive des sonst stummen Opfers, sondern als starke emanzipierte Frau, die ihre Rechte einfordert.

„Das letzte, was Indien brauchte, war ein weiterer Amerikaner, der eine Dokumentation dreht. Viel wichtiger war es, Menschen dazu zu befähigen, die Kamera selbst in die Hand zu nehmen”, sagt Jessica Mayberry, ehemalige CNN-Reporterin und Mitbegründerin von Video Volunteers.

Wir werden die Organisation drei Monate lang bei ihrer Arbeit vor Ort in Indien begleiten. Dabei werden wir kritisch hinterfragen, wie der Blick dieser Gemeinschafts-Korrespondenten Machtverhältnisse in einem sozial zunehmend polarisierten Land auf den Kopf stellen kann. Uns interessiert aber auch, inwieweit unser Blick auf die Gesellschaft durch diesen “Journalismus von unten” eine neue Perspektive gewinnt, nämlich die der Betroffenen.

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Unser Bild von Indien

Wie prägt die deutsche Auslandskorrespondenz über Indien unser Bild vom Subkontinent und welche Stereotypen werden dabei produziert? Wir erklären unser Recherchethema.

Ein kleines Experiment: Stöbern Sie doch mal in dem Archiv einer beliebigen deutsche Nachrichtenseite – Tagesschau, Google, Spiegel oder wem auch immer Sie vertrauen. Tippen Sie den Suchbegriff „Indien“ ein und ich verrate Ihnen schon jetzt, worum es gehen wird: Gewalt (zuletzt sexualisierte Gewalt gegen Frauen), Naturkatastrophen, Hunger oder im besten Falle Wirtschaftswachstum.

Natürlich sind das wichtige Themen, die Aufmerksamkeit verdienen. Doch spiegeln sie allein die indische Realität wieder? Wir bezweifeln das. Wir glauben, dass der Subkontinent mit 1,3 Milliarden Menschen mehr zu erzählen hat, als es eine einseitige, auf Armut, Naturkatastrophen oder gesellschaftliche Missstände verengte Berichterstattung vermag.

Woher kommt dieser enge Blickwinkel? Zum einen ist es wie so oft eine Frage des Geldes und der Ressourcen. Die beiden Korrespondenten des “ARD Auslandsstudios Neu Delhi” berichten nicht nur über Indien, sondern auch über Pakistan, Afghanistan, Bangladesch, Nepal, Bhutan, Sri Lanka und die Malediven. Zwei Korrespondenten sind damit zuständig für rund 1,7 Milliarden Menschen und ein Territorium, das größer als die Europäische Union ist. Uns interessiert, wie Journalisten in Indien unter diesen schwierigen Bedingungen arbeiten. Folgen Auslandskorrespondenten den globalen Schlagzeilen der großen Nachrichtenagenturen oder bleibt auch Recherchezeit für Themen abseits des Nachrichtenstroms?

Auslandskorrespondenz – das ist andererseits fast immer eine deutsche und Weiße Perspektive auf die Anderen und das Ausland. Medienwissenschaftler nennen das framing: Jeder Mensch betrachtet die Welt durch eine kulturelle Brille, die bestimmte Aspekte schärfer abbildet, andere Dinge jedoch nur matt erscheinen lässt. Den Rahmen – also die Grenze dessen, was wir wahrnehmen – bilden unsere individuellen und kollektiven Erfahrungen und Werte. Auch Journalisten, die sich der Neutralität verpflichtet fühlen, die sich mit keiner Sache gemein machen, blicken durch diese Brille. Jedoch (re-)produzieren sie als Autoren mit Bild, Ton und Schrift auch den kulturellen Rahmen, durch den sie die Welt betrachten. Wir wollen wissen, wie Journalismus aus und über Indien unseren Blick auf den Subkontinent prägt.

Deshalb werden wir unsere Recherchen mit einem weiteren wissenschaftlichen Konzept verbinden: der Critical Whiteness. Weiß zu sein, bedeutet, privilegiert zu sein – strukturelle Bevorzugung bei Bildungszugang, Bewerbungsgesprächen und ökonomischen Netzwerken… Weiße Menschen gehören in Deutschland zur Mehrheitsgesellschaft und normieren diese von ihrem Standpunkt aus. Weißsein wird, im Gegensatz zu Schwarzsein, in den Medien nicht thematisiert, sondern als Standard vorausgesetzt. All das prägt subtil unsere Sicht der Dinge – unseren Rahmen der Welt. Und trotzdem wird die Position des weißen Journalisten quasi nie als die eines Privilegierten kenntlich gemacht.

Diese Position wollen wir aufdecken und bewusst markieren. Wir werden anhand der Auslandskorrespondenz über Indien untersuchen, wer eigentlich über wen berichtet, wie solche Berichterstattung aussieht und welche Machtstrukturen dabei reproduziert werden. Vor Ort in Indien recherchieren wir dazu drei Monate lang.

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Wir sind auf Krautreporter

Bis zum 4. Oktober 2013 sind wir mit rethinkindia auch auf der Crowdfundingseite Krautreporter.de präsent.

Für unserer Projekt suchen wir auf der Crowdfundingseite Krautreporter.de in den kommenden zwei Monaten Unterstützer – denn zur Zeit klafft in unserem Arbeitsbudget noch ein großes Minus von rund 2100 Euro.

Wofür brauchen wir Euer Geld? 2100 Euro klingen zunächst nach einem großem Betrag – wir decken damit aber nur elementare Kosten unserer dreimonatigen Recherche ab: Flugtickets für zwei Personen für zusammen 1080 Euro, Unterkunft für drei Monate 600 Euro, Ausrüstung, Kamera- und Equipmentversicherung für 220 Euro, Recherchereisen durch den Subkontinent und auch Krautreporter.de behält sich 5 Prozent Provision der aufgerufenen Summe ein – also 105 Euro…

Der Betrag, den wir aufrufen, ist so knapp kalkuliert wie möglich und nicht kostendeckend. Den Rest unserer Ausgaben finanzieren wir über ein Teil-Stipendium der Organisation ASA-Programm.

Was bekommt ihr für eure Unterstützung? Das wertvollste was wir euch geben könnten, lest und schaut ihr bereits auf unserem Blog – unsere Artikel und Videos. Aber als kleines Dankeschön erhaltet ihr die folgenden Prämien:

  • Für 10 Euro werdet ihr hier auf rethinkindia als Unterstützer verewigt.
  • Ab 25 Euro erhaltet ihr eine Postkarte aus Indien und werdet natürlich auf unserer Website genannt.
  • Einen großformatigen Fotodruck eurer Wahl aus unserem Fotoarchiv erhaltet ihr ab 50 Euro.
  • 150 Euro sind viel Schotter, deshalb erhaltet ihr alle vorangegangenen Prämien und werdet in Berlin oder Freiburg von uns bekocht – natürlich indisch und vegetarisch!
  • 300 Euro – Wow! Vielen Dank für so viel Interesse! Ihr erhaltet alle vorangegangenen Prämien. Gerne halten wir euch auch per Skype auf dem Laufenden.

Doch es heißt: alles oder nichts! Kommt unser Betrag bis zum 4. Oktober 2013 nicht zusammen, gehen wir leer aus und ihr bekommt euer Geld zurück.

Wenn Euch unsere Recherche gefällt, denn würden wir uns freuen, wenn ihr uns bei Krautreporter.de unterstützt! Vielen Dank!

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Wer wir sind

Eva Hoffmann ist Studentin der Medienkulturwissenschaft und Europäischen Ethnologie in Freiburg. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Medienethnografie, besonders dem künstlerischen Dokumentarfilm. Sie arbeitet im Programmausschuss des Kommunalen Kinos Freiburg sowie der Festivalkommission und veröffentlichte Artikel für den Tagesspiegel und Zeit online.

 

Passbild fpFrieder Piazena schreibt seit vier Jahren Interviews, Porträts und Reportagen für den Tagesspiegel, hauptsächlich zu Gesundheitsthemen. Seit 2011 studiert er an der Humboldt Universität zu Berlin den Master Sozialwissenschaften, mit dem Schwerpunkt auf Stadtentwicklung, den Globalen Süden und alternative Ökonomien. Nach Indien verschlägt es ihn nun schon zum dritten Mal.

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